Der Stress der Wahl


Eigentlich heisst es ja «die Qual der Wahl», doch ich finde «der Stress der Wahl» viel passender.

 

Ich ziehe da immer gerne Erdbeerjoghurt als Beispiel heran. Keine Ahnung warum. Vielleicht weil das so eine Kindheitserinnerung von mir ist. Wenn es Fruchtjoghurt gab, dann gab es Erdbeerjoghurt. Und Erdbeerjoghurt gab es immer von Nöm (österreichische Marke). Das war einfach Erdbeerjoghurt.

 

Will ich heute im Supermarkt Erdbeerjoghurt kaufen, stehe ich vor einem Problem. Nicht nur, dass ich hier die österreichische Marke nicht erhalte, nein. Ich stehe vor dem Joghurtregal nicht nur vor einer riesigen Auswahl, die mir zeigt, dass ich statt Erdbeer unzählige andere Sorten kaufen könnte, sondern auch innerhalb der Kategorie Erdbeerjoghurt habe ich viele Wahlmöglichkeiten. Ob nun mit Büffelmilch, Sojamilch (für Allergiker und Veganer sich noch praktisch), zuckerreduziert, ohne Fett, mit Quark zugesetzt, mit erhöhtem Proteingehalt, mit griechischem Joghurt und so weiter.

 

Man hat schon beinahe das Gefühl, als wäre es kein banaler Joghurtkauf mehr, sondern man würde durch seine Wahl beinahe ein Statement setzen, was man denn nun gut fände und was weniger.

 

Jetzt stellt sich die Frage: Welches Erdbeerjoghurt mag ich? Nun, das lässt sich leicht herausfinden. Man muss einfach eine Wahl treffen (Preis, Inhaltsstoffe oder auch nur ansprechende Verpackung – einfach nach den eigenen Kriterien), es essen und dann für sich feststellen, ob man es mag oder nicht.

 

So far so good. Alles banal, oder?

 

Doch jetzt: Woher weiss ich, dass das das gemäss meinem Geschmack beste Erdbeerjoghurt ist? Vielleicht ist ja ein anderes noch viel besser. Somit: STRESS!!

 

Aber jetzt aber die Gretchenfrage: Warum ist das wichtig?

 

Nun, natürlich könnte man theoretisch noch ein Erdbeerjoghurt finden, das einem ein wenig besser schmeckt. Aber erinnern wir uns – das, was wir bereits haben, ist gut. Ich müsste mich aber, um es herauszufinden, ob es besser geht, relativ systematisch durch alle anderen Erdbeerjoghurts durchprobieren und am Ende ein Fazit ziehen. Klingt wissenschaftlich? Klingt nach wenig Genuss? Ja. Daher mein Tipp: einfach seinlassen.
Versteht mich bitte nicht falsch – ich sage hier nicht, man solle nicht ab und zu andere Produkte ausprobieren. Es ist toll, mal ein neues Erdbeerjoghurt zu probieren, weil es einen anlacht, weil es eine Neulancierung ist, die man probieren will, oder weil es einem eine Freundin empfohlen hat. Ich sage nur: Man darf es auch ruhig angehen.

 

Wer es bis hierher mit dem Lesen geschafft hat, wird sich vielleicht wundern, was das soll. Denn wahrscheinlich hatte er nie das Gefühl, alle Erdbeerjoghurts durchzuprobieren. Noch hat dieser Artikel etwas mit Gluten zu tun. Aber eben das ändert sich jetzt.

 

Wenn es um glutenfreie Produkte geht, jagen wir denen oft hinterher. Es gibt eine Neuerscheinung? Wir sind aufgeregt, freuen uns und versuchen herauszufinden, wo sie zu bekommen ist.

 

Wir sehen ein glutenfreies Produkt, das es nur im Ausland gibt? Unsere Gedanken kreisen darum, wie und wann wir es probieren können.

 

Auch das – normal und gut. Wenn es sich um ein neues Produkt handelt, was wir unbedingt probieren wollen. Etwa weil man in dieser Produktkategorie noch nichts gibt, das man mag. Oder weil es noch nicht einmal etwas Ähnliches gibt. Oder weil man es empfohlen bekommen hat. Doch selbst da – ruhig bleiben. Bislang hat das Leben ohne dieses Produkt geklappt, jetzt wird es noch ein paar Tage oder Wochen weitergehen.

 

Es gibt aber keinen Grund, glutenfreien Produkten hinterherzujagen, weil sie neu sind, auch wenn man schon etwas Ähnliches gefunden hat, das wunderbar ist. Das neue Produkt kann man dann mal bei Gelegenheit kaufen, wenn man Abwechslung ist, aber warum nicht bei dem bleiben, was man mag?

 

Auch gibt es keinen Grund, die verschiedensten Produkte einer Kategorie zu vergleichen und dabei zu achten, auch ja alle zu probieren. Und zu vergleichen.

 

Vielleicht machst Du das alles ja bereits, dann ging dieser Artikel natürlich nicht an Dich. Dann ist er wohl lediglich so was wie eine Erinnerung und ich hoffe, er ist trotzdem gut zu lesen gewesen.


Kommen wir zum Fazit:
Wir wissen bereits, was uns schmeckt? Ideal – dann bleiben wir doch bei dem und geniessen es. Wenn es Möglichkeiten zur Abwechslung gibt und uns danach ist – klar, dann kaufen. Wenn wir zufällig eine Neuerscheinung sehen, die uns anspricht, dann freuen wir uns und kaufen sie. Aber hören wir auf, Dinge zu kaufen, weil wir denken, wir müssten das ganze glutenfreie Sortiment aller Marken kennen. Hören wir auf, Dinge zu kaufen, nur weil sie Neuerscheinungen sind.

 

Aus dem «normalen» Sortiment könnte man nie alle Neuerscheinungen kaufen. Könnte man auch nie alle Produkte jeder Kategorie probieren, um seinen Favoriten zu küren. Also lassen wir ein wenig Normalität in unser Leben und ein wenig Stress hinaus und fokussieren uns auf den Genuss dessen, was wir bereits gefunden haben.